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Wir tanzen wieder

Musik ist unlöschbares Erinnerungsvermögen.

Es ist Mittwoch, der email-Kasten läuft über und ich frage mich, wo ich all die Terminanfragen unterbringen soll. Eigentlich ist alles schon dicht. Viel zu dicht, wenn man die Bilder irgendwann noch bearbeitet bekommen möchte. Bei mir ist es standardmäßig der Montag, der kategorisch für diesen Zweck freigehalten wird.

 

Aber nun ist da eine Foto-Anfrage für einen Montag dabei, und ich kann sie nicht ablehnen. Viel zu sehr reizt mich die Aufgabe. „Was solls... mache ich eben eine Nachtschicht“, geht es mir durch den Kopf.

 

Also sage ich zu, der Termin findet statt, die Bilder werden gemacht und zeitnah abgeliefert.

 

 

 

Und nun sitze ich hier und es arbeitet in mir...

 

„Wir tanzen wieder“… Es ist ein soziales Projekt, in dem eine FSJlerin der Sozialbetriebe Köln, kurz SBK, als Kulturbotschafterin demenzkranke Menschen zum Tanzen begleitet. Mein Job soll es sein, dieses Ereignis fotografisch festzuhalten.

 

Wir treffen uns mit den 4 Senior(inn)en und zwei Begleiterinnen an der Tanzschule Stallnig-Nierhaus an der Bonner Straße. Es finden regelmäßig Senioren-Tanznachmittage dort statt, das Tanzen und die Musik tun den alten Menschen in der Seele gut. Wir sind also nicht alleine. 

 

Wie werden die dementen Senioren auf Musik und Tanzen reagieren?

 

Eine ganze Weile beobachte ich die vier und es geht mir so einiges durch den Kopf. Ich meine, es sind gestandene Menschen, man hat ein Bild ihres Lebens vor Augen, welche Rolle sie in aktiven Zeiten eingenommen haben mussten, sie wirken alle vier sehr verschieden. Aber heute spielt das keine Rolle mehr, welche Rolle sie spielten. Sie haben gemein, dass sie langsam ins Vergessen driften, während sie nach außen hin dieselben zu sein scheinen. Das Wesentliche verschwindet, allmählich, immer ein Stückchen mehr.

 

Ich frage mich, wie es für ihre Kinder sein muss, wenn ihr geliebter Vater / Mutter vor ihren Augen unerreichbar wird?

 

Da sitzen sie nun auf dem Sofa, sind irgendwie irgendwo, nur nicht immer im Hier und Jetzt.

 

Dann beginnt die Musik. Es ist Weihnachtsmusik, jeder kennt sie. Und wie selbstverständlich singen sie mit. Sie wissen zwar immer noch nicht, wo sie sich befinden, aber sie singen komplexe Textzeilen mit. Dann werden sie zum Tanzen geholt, der ferne Blick bekommt einen Glanz, Mimik kehrt ins Gesicht zurück, ein Lächeln, konzentrierte Augen, die Bewegungen, das Klatschen, alles ist da.

 

Ich beobachte die Veränderung, schlucke einen hartnäckigen Kloß im Hals runter, gelegentlich tropft Wasser in den Sucher und damit bin ich umso dankbarer, mich hinter dem schwarzen Canon-Gehäuse vor meinem Gesicht verstecken zu können.

 

Es wird „Itsy Bitsy Teenie Weenie“ aus den 60er Jahren gespielt. Helga springt auf. „Das ist meine Musik! Das haben wir immer gehört!“ Sie ist ganz euphorisch, tanzt wie ein junges Mädchen, wird sogar zum Rock´n Roll abgeholt und vergisst, dass sie möglicherweise nicht mehr weiß, wie die Schritte gehen. Sie ist glücklich. So einfach.

 

Mist, bei uns zu Hause wurden auch die 50er und 60er gehört. Ich sehe meine Eltern vor mir und begreife, was Vergessen bedeutet – und Vergessenwerden für ihre Kinder.

 

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An dem Abend fasse ich den Entschluss, eine Vorsorgevollmacht auszufüllen, in der eines ganz klar festgelegt wird:

 

Sollte ich mal dement werden, bringt mich zum Tanzen und spielt mir "meine" Musik vor. In dem Moment werde ich mich an alles Schöne in meinem Leben erinnern. Und wenn nicht, dann geht es mir wenigstens gut.

 


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