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Vom Geist der Weihnacht

eine Weihnachtsgeschichte von Sandra Jardin


Es war einmal ganz am Anfang, nachdem Christus geboren und gestorben wurde und der Begriff "Weihnachten" die Welt verstörte.

 

Mit dramatischer Geste hebt er, der zum "Geist der Weihnacht" berufene loyalste Diener des Großen Geistes, die Hände zum Himmel und dröhnt aus voller Brust „Vom Himmel her kommet“. Donnerhall. Sie kommen. Alle. Mit schneidendem Pfeifen. Kein einziger fehlt. Sie bauen sich in Reih und Glied vor dem Geist der Weihnacht auf und zählen durch:

 

Hier Eins: Kleiner Unmut

Zwei:  Hormonschwankung

Drei:   Wachsender Stress

Vier:   Schnupfen & Husten

Fünf:  Erschöpfung

 

Der Geist der Weihnacht nickt zufrieden. Er schaut stolz auf seine kleinsten Zöglinge. Niedlich, wie sie so dastehen und sich auf die Zehnspitzen stellen, um fast so groß zu sein, wie ihre größeren Geschwister. Sie zählen weiter, ihren Stimmen hört man die Kraft der Jugend an:

 

Sechs:   Scharfe Zunge

Sieben: Feindseligkeit

Acht:     Widerwille

Neun:   Sturheit

Zehn:    Verdrängung

 

Und der Blick des heiligen Geistes wandert zu den Großen. Zu den Helden der Mittleren. Sie sind so etwas wie Gurus, Sri Vishnus oder Ali Babas für sie. Die Großen haben es einfach raus, wie man die vielen kleinen Harmlosigkeiten zu einem handfesten Chaos flechtet.

 

Elf:              Aggressivität

Zwölf:         Ablehnung

Dreizehn:  Unversöhnlichkeit

Vierzehn:   Negativität

Fünfzehn (er legt eine dramaturgische Pause ein): Unfriede!

 

Der Geist der Weihnacht schlägt sich die Hände wie zum Gebet vor den Mund. In seinen Augenwinkeln glitzert tatsächlich eine Träne - er ringt um Fassung. Dass er nach all den Jahren noch derart überwältigt sein würde bringt ihn an den Rand seiner Emotionalität. Weihnachten! Er hat es wieder geschafft, er, der Verantwortliche für weihnachtliche Traditionen, er hat es wieder geschafft.


Als ihn damals der Große Geist ins Amt setzte, versprach er im Angesicht der Heiligen Mutter alles zu tun, um den Menschen den Geist der Weihnacht nahe zu bringen. Der Große Geist hatte ihn dazu auserwählt, seinen getreuesten Diener, und er würde sich für ihn vom Himmel stürzen, um seiner Aufgabe in der bestmöglichen Weise gerecht zu werden.


Ob der Große Geist wohl zufrieden mit ihm ist?

 

Nein, das ist er nicht!

 

Um nicht zu sagen, ganz und gar überhaupt nicht! Nicht mal ein kleines bisschen. Er ist regelrecht angepisst. Es quält ihn längst die Frage, ob er in personaltechnischen Fragen vielleicht vollkommenen Unfug entschieden haben mochte?

 

Seine Anweisung, nachdem sein Sohn von seiner Erdenmission zurückkehrte, lautete: „Erfülle den geliebten Menschen ihren sehnlichsten Wunsch!“ Der seiner unausgesprochenen Auffassung nach Friede sein müsse. "Geh, und bringe den Menschen Frieden", dachte er sich. Irgendwie. "Ich ernenne Dich hiermit zum ´Geist der Weihnacht´ - und jetzt flieg, mach sie glücklich".

 

Was der neu ernannte Geist der Weihnacht auch tat. Er flog gleich los und nahm es sehr wörtlich. Er wird den Menschen das bringen, was sie sich wünschten. Um eben diese ihre sehnlichsten Wünsche herauszufinden setzte er sich eine ganze lange Weile einfach nur auf eine Wolke und studierte gewissenhaft ihre Signale, interpretierte und deutelte bis er irgendwann für sich zum Ergebnis kam, dass die Menschen offensichtlich Gefallen an der Negativität gefunden haben. Wie sie sich auf jede Möglichkeit stürzten, um irgendetwas doof zu finden, wie sie sich im Zweifelsfall dafür entschieden, verletzt zu sein, wie sie sich in der Kunst übten, Salz auf Wunden zu streuen, wie sie bei anderen Gründe suchten und fanden, die es ihnen erlaubten, die Waffen zu ziehen und abzufeuern. Und das ganz besonders in Zeiten, in denen man das Gegenteil erwartete, wie z.B. an Weihnachten.

 

Der Geist der Weihnacht fand es zunächst überraschend bis befremdlich, entschied sich aber dem Großen Geist zu vertrauen, der da sicher wisse, was er tue - und tat, wie ihm aufgetragen. Schicke er den Menschen doch die Geister, die sie rufen. Hierzu stellte er sich alsdann ein Team an Mitarbeitern zusammen, die seiner Meinung nach die geeigneten Qualifikationen für eben diesen Job hatten.

 

So vergingen die Jahre, die Jahrhunderte. Der Geist der Weihnacht hütet die Tradition, vergewissert sich pflichtbewusst jedes Jahr erneut, ob die Tradition noch Wurzeln hat.

 

Dem Großen Geist indes wird es zu bunt. Nicht, dass er nicht darum wisse, was die Menschen sich einbilden zu wollen oder zu brauchen. Aber irgendwie findet er, dass es langsam Zeit würde, sich ein wenig mehr Gehör zu verschaffen. Es scheint ihm, als würde seine göttliche Stimme überhört werden. Was an sich schon unerhört ist, denn er ist schließlich der Meister der Stimme in der Stille. Seine Stimme hat Macht, sie dröhnt und hallt.

 

Offensichtlich dröhnt und hallt aber auch etwas anderes da unten, was die Menschen Alltag und Überleben nennen.

 

Überleben, weil es Idioten gibt, die mit lautem Tamtam und Aua ihre Vorstellung durchdrücken wollen, weil es Menschen in Banken und Versicherungen gibt, die erst die Angst schüren, es sei nicht genug für alle da, um dann dafür zu sorgen, dass nicht genug für alle da ist, während es für sie selbst aber mehr als genug gibt. Der Große Geist hat den Lärm des aus Angst geborenen Erfindungsreichtums der Menschen wohl unterschätzt und beschließt, den Lautstärkeregler des göttlichen Megaphons etwas nach oben zu ziehen.

 

Mit Folgen.

 

Denn damit bricht das Chaos erst richtig aus. Statt traditionell und unhinterfragt unfriedlich aufeinander loszugehen, gibt es nun einen Stop-and-go-Verkehr. Hü und Hott, rein in die Kartoffeln / raus aus den Kartoffeln. Ich hasse dich / ich liebe dich. Geh / bleib. Die Menschen schießen ihre Kugeln ab um sich plötzlich schützend vor den anderen zu werfen und folglich von der eigenen Kugel getroffen zu werden.

 

Es tobt in ihnen der Kampf um Gut und Böse. Um Liebe und Angst. Um Idiotie und Weisheit. In ihren Herzen ist Streit, ihre Seele sehnt sich nach Frieden. Und das ganz besonders in Zeiten, in denen mehr Harmonie erwartet wird, wie z. B. an Weihnachten.

 

Das entgeht auch dem Geist der Weihnacht nicht (der - wie immer - nicht von dem strategischen Kurswechsel des Großen Geistes informiert wurde). Die Zeiten haben sich geändert, bemerkt der Geist der Weihnacht. Er seufzt. Geänderte Zeiten bedürfen der geänderten Mittel, oder besser gesagt: neuer Mitarbeiter. Er macht sich bereit zum Ritual.

 

Mit dramatischer Geste hebt er, der Geist der Weihnacht, die Hände zum Himmel und dröhnte aus voller Brust „Vom Himmel her kommet“. Donnerhall. Sie kommen. Alle. Mit schneidendem Pfeifen. Kein einziger fehlt. Sie bauen sich in Reih und Glied vor dem Geist der Weihnacht auf und zählen durch, durch die Reihen weg unbekannte Gesichter:

 

Eins:    Friedenlieben-statt-Streithassen

Zwei:   Verstehen-statt-Verurteilen

Drei:    Gemeinsamkeitensuchen-statt-Unterschiedefinden

Vier:     Hingehen-statt-Weglaufen

Fünf:    Für-statt-Gegen

Sechs:  Es-tun-statt-es-nur-wollen

Sieben (er legte eine dramaturgische Pause ein): Frieden-Sein!

 

Der Geist der Weihnacht nickt. Er wirkt sehr ernst. Er weiß, dass der Große Geist nicht der Typ für Bevormundung ist. Dass er es den Menschen schwer macht, indem er es ihnen eigentlich leicht macht. Dass seine Liebe die Vorstellungsgabe des Menschen übersteigt und sich diese deshalb ein eigenes Bild von Liebe machen. Dass aber genau diese Liebe dazu führt, dass er die Menschen frei wählen lässt, um ihnen zu beweisen, wie sehr er sie ehrt.

 

Der Geist der Weihnacht kennt niemanden mit mehr Weisheit, aber er kämpft noch mit der Umsetzung. Und weil er sich in solchen Momenten nicht anders zu helfen weiß, tut er das, was er in solchen Momenten immer tut: Er schlägt sich die Hände wie zum Gebet vor den Mund –


und er betet...

 

(---)

 

PS:

 

Von Seele und Herzen: ich wünsche Euch friedliche Weihnachten und im selben Sinne ein friedlich gesinntes neues Jahr!

 

 


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