Babyfotos mit Wehmut

Manchmal sehe ich mir noch mal die Baby-Galerie an, die Fotos mit all den kleinen, neugeborenen, zarten Menschlein. Ich schaue mir die Eltern an. Manche von ihnen haben wir bereits zur Hochzeit fotografiert und dann kamen sie mit ihrem Nachwuchs zu uns. Wir halten die ersten Momente fest, ich lerne diese Menschen in ihrem ersten Lebensjahr kennen. Und auf dem Foto sieht es so aus, als würde diese Zeit niemals vergehen, niemals vergehen können.

 

Dann kommen die Eltern 1 Jahr später mit ihrem Baby wieder und ich weiß, dieses kleine Menschlein vom Foto, das gibt es nicht mehr. Mich wird ein quirliges Kleinkind begrüßen, vielleicht kann es schon laufen. Dieselben Eltern, aber sie bringen ein anderes Kind mit. Manchmal bin ich versucht zu fragen, wo denn "das Kleine" ist, aber Gott sei Dank bin ich mental noch nicht so fragil.

 

Also fotografieren wir die 2. Runde. Ich lerne das Kind wieder neu kennen, eine Facette von ihm, die vorher noch nicht da war. Wieder wird ein Foto einer in dem Augenblick unvergänglichen Zeit gemacht.

 

Aber wie schnell vergeht die Zeit wirklich?... Das Jahr darauf ist die Windel verschwunden, die Eltern werden mit ihrem Kind älter... ich fasse es nicht. Die abgedroschene Phrase "wie die Zeit vergeht" war nie wundersamer. Ich gucke in den Spiegel, weil mir da eine Synchronität aufgeht: werden die älter, bin ich vermutlich auch betroffen. Unbegreiflich! Warum ist meine Tochter schon 16? Ich greife zum Fotoalbum und schaue mir mein Kind von damals an. Es ist weg. Es ist jemand anderes geworden. Natürlich, es ist jetzt nur mehr von sich selbst, aber als sie gerade geboren war, kannte ich sie nur ohne all diese Anteile.

 

Und da ist sie dann: die Wehmut, die weh tut. Die Melancholie, zu der mir die Worte fehlen. Die großen Fragen schauen mich an. Die größte von ihnen heißt "Leben", die zweitgrößte "Zeit" und zusammen machen sie mich fertig. Das einzige, das ich als Behelfslösung verdauen kann, ist die Zeit mit Leben zu füllen.

 

Mit größtmöglicher Hingabe werde ich mich der Familie widmen, die gleich das Studio betreten wird. Wohlwissend, dass die heute entstehenden Fotos morgen schon veraltet sein werden.

 


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