Warum fotografiere ich?

Die Suche nach meiner Fotografen-Identität

Autor: Sandra Jardin

Warum fotografiere ich?

 

Diese Frage stellte mir kürzlich eine Bekannte und ich rang um die richtigen Worte. Präziser gesagt: ich rang um den zutreffenden Inhalt.

 

Ich ringe immer noch und ich ahne, dass sich einfache Antworten nicht so schnell finden lassen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich immer noch Gedanken über den Gedanken machen, das Feld des Erkundens ist weit und es befriedigt mich tiefenseelisch, den Dingen auf den Grund zu gehen.

 

Seit acht Jahren tue ich den ganzen Tag fast nichts anderes als zu fotografieren. Ich trainiere meinen Blick, übe mich in den verschiedenen Techniken, experimentiere mit Equipment. Ich schaue über den Gartenzaun und gucke, was die anderen Fotografen sehen und wie sie es einfangen. Ich kopiere sie um mein Portfolio zu erweitern - und um immer wieder festzustellen: ich bin nicht die anderen Fotografen.

 

Aber wer bin ich?

 

Meine Erinnerung scannt meine Kindheit ab, sucht eine "So-bin-ich-immer-schon-gewesen"-Grundlage und bezweifelt gleichzeitig, dass es eine solche wirklich gegeben hat. Ich versuche mir immer noch auf die Schliche zu kommen. Eine Persönlichkeits-Identität ist also relativ. Und damit auch meine Fotografen-Identität.

 

Also beobachte ich, was ich am liebsten fotografiere und warum?

 

Architekturfotografie ist spannend, aber immer versuche ich, ihr Leben einzuhauchen, indem ich… Menschen einbaue. Und dann überlege ich, was diese Menschen auf den Bildern machen/aussagen sollen? Und ich stelle fest: nichts, was dort hin gehören würde. Einfach nur doof im Bild stehen und gut aussehen befriedigt mich nicht.

 

Was aber will ich von den Menschen auf meinen Bildern, das sie tun oder aussagen können?

 

Im Suchen nach der eigenen Fotografen-Identität stoße ich oft auf innere Verwirrung, die sich auf die schiere Bilderflut um mich herum zurückführen lässt, in der ich oft so fasziniert auf die Bilder anderer schaue, dass sie das Gefühl für meine eigenen temporär überschreiben.

 

Wenn ich mich buchstäblich verloren fühle, schaue ich mir diese Fotos bewusst an und beobachte, wie ich darauf reagiere. Wann spricht es etwas in mir an? Was spricht es in mir an? Welches Gefühl liebe ich meisten? Was löst ein Drängen und Sehnen aus? Das beantwortet zwar noch nicht meine Identitäts-Frage, aber es hilft mir zu mir zurück zu finden.

 

Auch Auftragsfotos verwirren mich mitunter, weil ich die Wünsche anderer umsetze und dabei Gefahr laufe, ihre Wünsche mit meinen eigenen zu verwechseln. Wieder bemerke ich etwas Wesentliches: ich will meinen Kunden tatsächlich einen Herzens-Wunsch erfüllen, wo sie sich auf eine bestimmte Weise dargestellt sehen möchten (meist hübsch und vorteilhaft) und damit stelle mich ganz auf sie ein. Sehe durch ihre Augen statt durch meine. Oder vielleicht vermischt es sich sogar? Eine offene Frage. Zumal ich überhaupt nicht dazu komme, freie Fotos zu machen, da ich vollkommen ausgelastet bin mit Auftragsarbeiten.

 

Dann wiederum beobachte ich die unglaubliche Kreativitätsspanne in der Inszenierung von Models & Co und frage mich: ist das meins? Ich könnte meine eigene Kreativität dazu nutzen, ebenfalls spannende Settings zu kreieren: eine gute Stylistin, das passende Outfit, Kulisse, Licht – und das Motiv ist im Kasten. Aber dann folgt unweigerlich die Frage: und wozu? Um Geld damit zu verdienen, ok, aber das ist für meine Identitätsfrage erst mal nebensächlich. Denn so richtig befriedigen tun mich inszenierte Bilder auch nicht. Aber warum nur nicht?

 

Dieses Posen, ein Gesicht professionell gelangweilter als das andere. Ich verstehe diese absurden Körperhaltungen nicht. Ich verstehe sehr wohl, dass sie eine Kunstform markieren, von tausenden Fotografen weltweit aufgegriffen und ausgebaut. Als würden alle einheitlich mit Fettecken experimentieren. Aber das macht es für mich nicht greifbarer.

 

Eines zeichnet sich immer deutlicher ab: es geht mir um Menschen. Deshalb wäre auch die Tierfotografie nur ein teilbefriedigender Aspekt, denn Tiere leben zwar, aber ich identifiziere mich nicht mit ihnen. Also geht es auch um Identifikation?

 

Es ist ein Puzzlespiel, eine Pokémonjagd. Immerhin habe ich schon das ein oder andere Pokémon finden können.  

 

Menschen… was will ich von ihnen? Was müssen sie für meine Fotos können? Will ich durch sie in den Spiegel gucken, um mich mit ihnen identifizieren zu können? Z.B. um mein Wunsch-Sosein stellvertretend zu bedienen oder eher um mein bestehendes Selbst-Bild zu veräußern? Eine weitere offene Frage.

 

Suche ich ihre Seele? Schön gesagt doch nichts bedeutend.

 

Läuft es am Ende darauf hinaus, dass ich längst fotografiere, was ich bin, es mir nur noch an Bewusstheit darüber fehlt? 

Wenn dem so ist, ändert es nichts an meinem Suchen: denn ohne Bewusstheit ist alles nichts.

 

(...)

 

Ich bleibe also auf der Suche nach dem Menschen auf meinen Fotos. Traue mich kaum, Gelerntes zu verlassen und mit neuen Ansätzen zu spielen. Aber es ist mein Projekt für die nächsten endlosen Jahre. Ich freue mich drauf, ich fürchte mich davor, aber es erfüllt mich mit Sinn. Gestern fand ich ein Buch, das sich so anhört, als würde es mir ein gutes Stück weiter auf meinem Weg helfen: "Die Psychologie der Fotografie: die Kunst, Menschen zu fotografieren."

 

Sicher werde ich noch das ein oder andere Mal mehr auf dieses Thema zu sprechen kommen. Ob Ihr es verfolgen wollt... Ihr dürft es ganz alleine bestimmen :).

 

Bis dahin geht für mich das Suchen von Puzzleteilen weiter. Für sachdienliche Hinweise in Form von Input bin ich dankbar. :)

 


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